Von der Lust am Tanzen

Hundertausende tun es Woche für Woche: Sie zittern und träumen mit den „Dancing-Stars“ – wer wird es diesmal schaffen? Wer muss aussteigen? Was sagt die Jury? Die Lust am Tanzen greift um sich. Davon profitieren auch die Tanzschulen. Denn Tanzen ist wieder in.

Seit es den Menschen gibt, tanzt er. Tanzen ist gesund, gesellig und macht Spaß. Es kann Unterhaltung sein, Ausdrucksmöglichkeit, Sport, Brauchtum, Therapie, Kunst, Beruf oder einfach nur Freizeitbeschäftigung. Ein wahrer Allrounder.
Ich gestehe: ich tanze für mein Leben gern. Angefangen hat alles im zarten Jugendlichenalter, als John Travolta in „Saturday Night Fever“ glänzte. Da wusste ich: das ist es! Ich will tanzen können wie Johnny!
Die meisten von uns üben sich wohl in ihrer Jugend einmal in der Tanzschule in ersten zaghaften Walzerdrehungen. Während die einen entnervt aufgeben, fangen die anderen erst richtig Feuer – das Tanzfieber hat sie gepackt. Mich hatte es gepackt.
Dennoch verlor ich das Tanzen irgendwann aus den Augen. Bin stattdessen durch die Landschaft gejoggt, habe mich bei Yoga in alle Richtungen verbogen und mein Rad und mich malträtiert. Alles schön und gut, aber die große Begeisterung war nie wirklich dabei. Mittlerweile frage ich mich, wie ich es so viele Jahre ohne Tanzen hatte aushalten können.
Nun ja, es ist nicht immer leicht, einen passenden Tanzpartner zu finden. Die Tanzpartnerbörsen im Internet bieten eine Möglichkeit. Hier kann man sich – meist kostenfrei – eintragen. Jeder entscheidet selbst, wie viel er oder sie von sich preisgeben möchte. Im Lauf der Zeit entwickelt man ein gutes Gefühl und findet nette Leute, knüpft Kontakte, erlebt wunderschöne Tanzabende. Manchmal funkt es sogar und aus einem Tanzpaar werden Liebende. Manchmal entstehen kostbare Freundschaften. Das gleiche Interesse, die geteilte Leidenschaft am Tanz ist ein sehr tragfähiges, verbindendes Element, das Menschen zusammenschweißt.
Tanzen hält fit
Es trainiert Geist und Körper, hält uns gesund. Wer regelmäßig das Tanzbein schwingt, kräftigt sein vegetatives Nervensystem. Das wiederum so wichtige Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung, Stoffwechsel steuert. Die Muskulatur wird gestärkt, Feinmotorik, Schnelligkeit und Koordination gefördert. Der Körper wird insgesamt beweglicher, das Körpergefühl besser, die Körperhaltung aufrechter. Die Bewegung auf der Tanzfläche hilft schlank zu bleiben. Fett wird ab-, Muskeln werden aufgebaut.
Musik und Tanz können überdies Stimmung und Immunsystem positiv beeinflussen. Beim Tanzen werden weniger Stresshormone gebildet, das Glückshormon Endorphin wird ausgeschüttet, körperliche wie seelische Spannungen werden gelöst. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinkt, Leistungsfähigkeit und geistige Vitalität steigen.
Mit zunehmenden Alter wird das Tanzen schließlich zum „Wundermittel“ schlechthin: Es fördert Koordination, Raumorientierung und Gleichgewicht–wichtige Faktoren, die gerade im Alter vernachlässigt werden. Dass Tanzen für ältere Menschen Vorteile bringt, zeigen Studien: Frauen und Männer über 70, die regelmäßig an einem Tanzprogramm teilnehmen, haben mehr Freude am Leben, ihr körperlicher Zustand verbessert sich, sie sind mobiler und können ihre Reaktionsgeschwindigkeit, ihre Stand- und Gehsicherheit steigern.
Tanzen hält nicht nur unseren Körper in Schuss: Es gilt als wirkungsvoller Denksport, da es das Gedächtnis trainiert und kognitive Leistungen fördert, wenn man Schrittfolgen und Tanzablauf einstudieren möchte. Die Bewegung am Parkett kann wirksame Vorsorge gegen Demenz sein. Auf der Tanzfläche werden Anpassungs- und Improvisationsfähigkeit trainiert. Gut für das Gehirn, wenn es im Alter fit bleiben will. Forscher haben nachgewiesen, dass die koordinierten Bewegungen beim Tanzen nicht nur den Alterungsprozess verlangsamen, sondern sogar bereits bestehende Defizite in der Gehirnleistung ausgleichen können.
Aber Tanzen kann noch mehr
Eine Untersuchung belegt: Tanzen macht fit, glücklich – und sexy. Denn es beeinflusst die Ausschüttung von Stress- und Sexualhormonen. Bei Tanzpaaren wurde vor und nach dem Tangotanzen mittels Speichelproben den Hormonstatus erhoben. Das Resultat: das Stress-Hormon Cortisol wird reduziert, während der Testosteron-Spiegel (bei Männern und Frauen) ansteigt. Die messbaren positiven Ergebnisse sind auf Bewegung, Musik und den Körperkontakt zurückzuführen. Paartherapeuten nützen dieses Wissen schon länger und setzen das Tanzen auch mal dazu ein, verfahrene Beziehungen zu retten.

Dass Tanzen wichtige soziale Funktionen hat, weiß auch Tanzschulchefin Conny Leban-Ibrakovic (33): „Tanzen kann die Paarbeziehung fördern. Hilft Kontakte zu knüpfen. Ist Bewegung in Gesellschaft, gemeinsames Tun. Und natürlich auch Berührung, sich auf einen anderen einstimmen.“

Wer tanzen lernen möchte, findet heute ein riesiges Angebot an Tanzschulen. Eine davon, eine junge, moderne und nebstbei eine der größten in Österreich ist die Tanzschule Conny & Dado in Graz. Tanzschulchefin Conny Leban-Ibrakovic erzählt von ihren persönlichen Anfängen:„Ich bin mit 15 Jahren in die Tanzschule gekommen – das war eine willkommene Möglichkeit, sich mit Freunden zu treffen“. Sie beginnt Salsa zu tanzen. Und lernt Dado Ibrakovic (35) kennen. Die beiden gewinnen 2004 auf Anhieb die österreichische Salsa-Staatsmeisterschaft. „Danach ging es Schlag auf Schlag“, erzählt die zierliche Tänzerin. „Wir haben Salsakurse angeboten und „Salsa on the beech“ ins Leben gerufen. Das sind Tanzreisen ans Meer. „Das hat die Kombination Tanzen und Meer populär gemacht“.

Seit 2007 gibt es ihre Tanzschule in Graz. „Wir haben immer viel Wert auf Atmosphäre gelegt, wollen uns selber „zu Hause“ fühlen. Das breite Angebot wird geschätzt, „wir waren von Anfang an gut besucht“. Ein neues Projekt haben Conny & Dado letzten Herbst gestartet: Rollstuhltanzen – „swinging wheels“. Der Gedanke dahinter, der für Conny Leban-Ibrakovic so immens wichtig ist: „Alle Menschen sollen die gleichen Chancen haben! Wir wollen Tanzen ohne Grenzen anbieten.“

Wie ich wieder zum Tanzen gefunden habe? Nun, ein Tanzpartner hat mich mit einem Tanzsportclub bekannt gemacht, dem TSC Eden in Graz. Dort trainiert auch die 23-jährige Laura Puchtler mit ihrem Tanzpartner Thomas Gruber (22) seit einigen Jahren. Die beiden sind im Turniertanz daheim und derzeit auf Platz 2 in Österreich in der Kombination, also in zehn Tänzen.

Auch Laura Puchtler ist – ganz klassisch – über die Tanzschule zum Tanzen gekommen und hängen geblieben. Dann erzählt ihr jemand vom Tanzsportclub, sie geht hin, findet einen Tanzpartner. „Das war einer der schönsten Tage meines Lebens“. Sie fängt an, Standard und Latein zu trainieren. 2008 fährt sie zu ihrem ersten Turnier, „Hessen tanzt“, weltgrößtes Amateurtanzturnier in Frankfurt. „Es gab dort eine riesige Eisporthalle, acht Tanzflächen, weit über 3000 Tanzpaare – ich hab geglaubt, ich bin im Paradies angekommen!“ Heute trainiert sie sechsmal die Woche zwei bis drei Stunden. Das Tanzpaar fährt regelmäßig zu Turnieren, „an die 20 pro Saison“, in ganz Österreich, Deutschland, Slowenien, Tschechien, Slowakei. Auch der Turniertanz kennt mittlerweile kaum Altersgrenzen. „Egal ob 10 oder 70, jeder kann hier zu tanzen anfangen“.
Sie und Tanzpartner Thomas sind privat kein Paar. „Wir wollten von Anfang an privates und tanzen nicht vermischen“. Aber natürlich entstehe beim Tanzen viel, oft haben sich Liebespaare gefunden, bestätigt auch die Turniertänzerin. Es sei schließlich wunderschön als gemeinsames Hobby. „Man fährt zusammen zu einem Turnier auf Mallorca und kann danach noch einen Urlaub anhängen! Tanzen kann man nur empfehlen, in welcher Form auch immer“, schwärmt sie voller Begeisterung. Natürlich sei es am Anfang vielleicht schwer, vor allem Männer hätten da Hemmungen, aber, „wenn man nur eine Stunde in der Woche tanzen geht, sind Schwierigkeiten nicht auf mangelndes Talent, sondern auf mangelnde Übung zurückzuführen“. Es ist alles Übungssache, sagt sie, Übung und Wille – „Jeder kann tanzen lernen, wenn er möchte, Tanzen ist zu 20% Talent, zu 80% Schwitzen“.

IN: KLIPP Mai 2014