Von einer, die nicht auszurotten ist

Sie liebt Ballungszentren. Je mehr Menschen, desto schneller taucht sie auf. An der Kassa, an der Verkehrskreuzung, am Bankschalter, beim Buffet, am Flughafenschalter, bei der Garderobe…. auf jeden Fall immer dort, wo man gerade hin will. Sie ist fies. Und sie steht nicht unter Artenschutz!

Ich steuere direkt auf die Schüssel mit dem leckeren griechischen Bauernsalat zu. Sara zupft mich am Ärmel: „Halt stopp, das geht nicht, wir müssen uns hinten anstellen“. Und deutet Richtung hinten, ans Ende einer langen Reihe von Menschen, die mit leeren Tabletts und entnervten Gesichtsausdruck herumstehen.
„Aber warum, ich will bloß den griechischen Salat, da steht schließlich keiner. Soll ich warten bis alle anderen vor mir sich die Teller mit Suppen, Soßen, Haupt- und Nebenspeisen vollgeladen haben?“ Die Dame, die gerade an der Reihe ist, schaufelt sich verschiedene Blattsalate auf den Teller, der griechische Salat bleibt unangetastet. „Das geht aber nicht, wir müssen uns hinten anstellen“, beharrt Sara. Die wartende Menge mit den Tabletts beobachtet uns argwöhnisch…

Also gut, ich reihe mich ein, ganz hinten, und warte. Im Schneckentempo rückt die Schlange weiter. Nach einer Viertelstunde lande ich erneut bei meinem griechischen Bauernsalat. Erleichtert will ich nach dem Salatbesteck greifen, da schießt eine Männerhand vor, schnappt sich das Besteck und schaufelt unbekümmert Salat auf einen leeren Teller. Ich bin platt vor so viel Ignoranz und Rücksichtslosigkeit. Hat der noch nie etwas von hinten anstellen gehört?

Die Warteschlange – eigentlich ein liebes Tierchen, weil sie Ungerechtigkeiten zu vermeiden trachtet, doch lästig, weil sie uns zum Warten zwingt, zum genauen Beobachten (wer war schon vor mir da, wer kam erst danach?) und weil Vordrängler immer Saison haben. Außerdem konfrontiert sie uns mit so essentiellen Fragen wie: In welche Reihe reihe ich mich nun ein? Nicht immer ist die kürzeste die schnellste. Und überhaupt: wo beginnt die Reihe und: steht man hintereinander oder parallel? Denn es ist überall das gleiche, ob bei der Warterei vorm öffentlichen Klo oder vor den Umkleidekabinen: Wartet man in mehreren Schlangen parallel oder seriell (der jeweils nächste kriegt, was frei wird)? Blöd nämlich, wenn manche Leute unterschiedliche Systeme verfolgen…
Wenn zwei zu gleich kommen, wer darf als erster? Da zählen oft Millimeter/Millisekunden – wie im Hochleistungssport. Und das macht Stress, läßt den Blutdruck in die Höhe schnellen. So gesehen kann sie sogar unserer Gesundheit schaden, die Warteschlange.

Und weiter geht’s mit den undurchschaubaren Gesetzen des Schlangestehens. Darf man den Partner/den Einkaufskorb/die Aktentasche stellvertretend zwischenparken, während man sich noch Krackers holt oder mal schnell aufs WC muss? Und was für ein Frust zieht auf, wenn die Nachbarsschlange, die viel länger war, plötzlich viel schneller vorankommt… Ganz zu schweigen von der kleinen Schwester der Warteschlange, der Warteschleife: „Wir melden uns in Kürze!“ Wer hatte diesen schönen Satz nicht auch schon stundenlang im Ohr. Zumindest kann man währenddessen Mittagessen, Nase bohren oder mit den Kollegen fachsimpeln.

Die Warteschlange, die sich mit Nummern ziehen behilft, soll Streitereien vorbeugen. Wenn sich nicht gerade vor dem Nummernziehapparat schon Warteschlangen bilden. Manchmal helfen mobile Gangsysteme, die zum geordneten Einordnen zwingen oder Leitlinien wie auf der Autobahn – trotzdem: Anlass für heftige Auseinandersetzungen gibt es immer wieder – denn keiner wartet gern. (Fast) jeder hat es eilig. Und alle wollen wir Gerechtigkeit. Nur verstehen verschiedene Menschen halt manchmal etwas anderes darunter. Schon prallen die Gemüter aufeinander.

In manchen Ländern gibt es schon hauptberufliche Schlangesteher – keine schlechte Idee, wenn man überlegt, wie viel Zeit seines Lebens man in diversen Warteschlangen zubringt… da käme ein Warteschlangenprofi, der sich dieses Tierchens annimmt gerade recht. Übrigens, ein Insider-Tipp vom Warteprofi besagt: Besser dort anstellen, wo wenige warten, egal wie viel sie im Korb haben – an der Kassa sind sie meist schneller als viele Wartende, die nur wenig mitnehmen – denn der Bezahlvorgang dauert überall und kann auch mal umständlicher werden.

P.S. Während ich diesen Gedanken nachsinne, stehe ich immer noch in der Warteschlange vor der Kassa mit meinem vollen Waggerl. Denn es kommt dauernd eine/r mit „Ich hab nur die Schocko / ein Bier / zwei Semmerl, darf ich mal schnell vor?“ …. und so warte ich heute noch.

 

IN: KLIPP, Sept. 2010

 

LESETIPP:

6.7.2010 FRANKFURTER RUNDSCHAU: „Ukraine: Von Beruf Schlangesteher“
Schlangestehen gehört in der Ukraine zum Alltag. Ein Geschäftsmann macht nun aus der Warterei vor Behörden und Ämtern Geld: Er vermietet professionelle Schlangesteher – und zahlt nicht schlecht.
In der Ukraine stehen Menschen professionell Schlange.
Kiew. Wie jeden Morgen steht Igor in einer Warteschlange auf dem Bürgersteig vor der ungarischen Botschaft in Kiew. Das Thermometer hat bereits am Vormittag die 30-Grad-Marke erreicht, die Sonne scheint, es ist schwül. Doch Igor, der seinen Nachnamen nicht nennen will, wartet weiter stoisch darauf, dass er irgendwann an der Reihe ist. Das ist schließlich sein Job – der 34-Jährige ist professioneller Schlangesteher…….