Was ich Clemens Setz noch fragen wollte

Saisoneröffnung im Grazer Literaturhaus. Mit Gastgeber Klaus Kastberger als Moderator, jeder Menge Brezeln als Hungerstiller, einer kleinen Getränkebar und zahlreichen Besuchern – der Saal ist gut gefüllt. Den Lesereigen eröffnet hat: Clemens J. Setz, Grazer Autor, der schon mit einer Vielzahl an Literaturpreisen und Shortlist-Besetzungen auf sich aufmerksam gemacht hat. Ein dunkelhaariger, schmaler junger Mann, der fast ein wenig schüchtern wirkt. Er kommt mit einem kleinen Köfferchen… im Vorfeld wurde gemunkelt, dass der „Gelegenheitszauberer“ möglicherweise das eine oder andere Kunststück zum Besten gibt. Nichts da, erklärt er gleich zu Beginn, heute wird gelesen. 30 Minuten hat er dazu Zeit, dann übernimmt Literaturhauschef Kastberger wieder das Zepter und schließlich hat das Publikum Gelegenheit, Fragen anzubringen. Während ich noch an meinen Fragen bastle und überlege, welche den die wichtigste, vordringlichste sei, ist die Fragestunde jedoch schon wieder beendet. Und so radle ich heim, nachdenklich und mit einem Haufen Fragen im Kopf…

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… Wie lange haben Sie an dem Buch denn geschrieben? Gab es eine Vorlaufzeit? Manche Schriftsteller sagen ja, sie seien monate- oft jahrelang mit einem Stoff quasi schwanger gegangen, bis sie ihn endlich auf- (oder nieder-?) geschrieben haben? Hatten Sie eine Vorlaufzeit oder haben Sie sich einfach hingesetzt und drauflos geschrieben? Und als Sie mit dem Schreiben begonnen haben, haben Sie da schon gewusst, wohin das Buch Sie führen wird? Gab es alle Personen, Handlungsstränge, Ereignisse, Wendungen, das Ende schon? Und schließlich, als Sie mit dem Buch fertig waren, wie ging es Ihnen da?

Ich meine, wenn ich ein Buch lese, das mich fasziniert, in dessen Geschichte ich eintauchen kann, dann mag ich es irgendwann gar nicht mehr aus der Hand legen, dann fange ich an, die Seiten zwei- oder dreimal zu lesen, um nur ja nicht so schnell fertig zu werden. Ich mag mich nicht mehr trennen von diesem Buch. Es ist immer ein Abschied, wenn ein Buch zu Ende gelesen ist. Wie aber ergeht es jemandem, wenn er so ein Buch geschrieben hat? Über 1000 Seiten noch dazu? Wie sehr ist man dann mit seiner Geschichte verwoben, mit den Personen verbunden, wie wirklich ist das Buch dann schon geworden, wie viel Alltag, Realität? Und was heißt es dann, wenn man Abschied nehmen muss, es aus der Hand gibt und „fertig“ sagt? Leben die Personen dann weiter oder verschwinden sie allmählich wieder aus dem eigenem Leben? Kehren sie in anderer Gestalt in einem anderen Buch wieder? Gibt es Figuren, bei denen Sie froh sind, wenn Sie sie endlich los sind? Und andere, von denen sie nicht lassen können? Oder haben Sie genug Distanz zu Ihren Figuren, sodass Sie stets wissen, dass es einfach nur erfundene Figuren sind?

Jetzt sind Sie mit Ihrem Buch unterwegs, lesen da und dort. Lebt Natalie noch immer in Ihnen? Was sagt sie zum fertigen Buch? Oder haben Sie Natalie bereits hinter sich gelassen? Hatten Sie Liebeskummer danach?

Ich habe das Buch – noch – nicht gelesen. Ich weiß also nicht, wie es mit Natalie nach den ersten Seiten weitergeht. Wie ihr Abenteuer endet. Aber – ich werde das Buch lesen. Früher oder später. Vermutlich eher später. Denn jetzt bei dieser Lesung habe ich erst mal ein anderes Buch gekauft, Ihr erstes. Söhne und Planeten. Es schien mir dünn genug, dass ich durchhalte. Und auch, dass ich es problemlos in der Hand halten kann beim Lesen. Die Geschichte von Natalie in die Stunde zwischen Frau und Gitarre, klingt spannend, ich habe jetzt schon das Gefühl ein bisschen von Natalie zu wissen, sie zu kennen. Und den Wunsch sie näher kennenzulernen. Ich mag ihre kleinen Verrücktheiten, dieses bunte Innenleben, ihre Phantasie – und dabei haben Sie gerade mal 30 Minuten aus dem Buch vorgelesen. Nicht einmal das, denn (geschätzt) einen großen Teil der Zeit haben Sie irgendwelche Dinge erzählt. So beiläufig und nebensächlich, einfach drauflosgeplaudert, was Ihnen anscheinend gerade so in den Sinn gekommen ist. Über Ihre Vorlieben, Eigenheiten, über Bücher, die Sie gelesen haben (und das muss eine ganze Menge sein), über winzige Details aus ihrem Leben und Ihrer Gedankenwelt. Es war angenehm zuzuhören… selbst banalste Details können zu Literatur werden, habe ich festgestellt.

Wie auch immer – über 1000 Seiten! Das kann man nicht lange in der Hand halten. Wenn man es in die Tasche steckt, ist es schwer, da überlegt man sich dreimal, ob man es mitnimmt. Und natürlich auch die Frage: Schaffe ich das? Aber, wie gesagt, ich bin neugierig geworden. Ich fange mit Ihrem ersten Buch an. Kann sein, dass es mich so gefangen nimmt, dass ich mehr brauche. Dass ein weiteres Buch von Ihnen herhalten muss. Und noch eines. Dass ich gar nicht genug kriegen kann. Und dann, ja, dann, ist die Stunde zwischen Frau und Gitarre fällig. Dann kann das Buch gar nicht dick genug sein. Dann werde ich mir wünschen, dass es niemals enden möge. Und ich werde sein Gewicht ertragen und die vom vielen Blättern und in die Tasche stecken längst verschnuddelten Seiten, ich werde es lieben. Und dann werde ich auch endlich erfahren, wie es mit Natalie weitergeht.

IN: KLIPP, Sept/Okt. 2015
(Das war der Originaltext. Die Redaktion hat ihn in stark veränderter Form wiedergegeben).