Wenn das Leben so einfach wär…

Unser Leben wird beständig komplizierter, komplexer, unüberschaubarer. Termine und Notwendigkeiten häufen sich, die Palette an Möglichkeiten und Angeboten wächst ebenso wie die Fülle der Aufgaben. Der Fortschritt schreitet unaufhaltsam voran. Und wir hinken oftmals schon ein wenig ermattet hinterher…

Langeweile, Zeit zum Nichtstun, Faulenzen, unproduktive Zeit, Zeit zum Innehalten – das war gestern. Zeit zum Erholen, Ausspannen, Leben, Lachen und Lustigsein ebenso. Wir leben im Zeitalter von Stress und Burnout und wer heute nicht ständig mindestens zwei Termine gleichzeitig hat und dabei auch noch permanent ein Handy am Ohr, der ist nicht mehr up to date und verpasst irgendwie sowieso das meiste – meinen wir.

Und dabei verlernen wir allmählich, was es heißt auf seine Bedürfnisse zu hören, gut auf sich zu achten, Spaß zu haben, Zeit zu haben. Wir verlieren die wesentlichen, kleinen Dinge des Lebens aus den Augen, weil wir nur mehr mit den ganz Großen, ganz Wichtigen, Topaktuellen und Superdringlichen beschäftigt sind. Wenn wir uns dann einmal schnell aufs Sofa werfen und nicht gleich den Fernseher einschalten, sondern nur mal kurz durchschnaufen, dann überkommt uns so ein klägliches Gefühl der Leere, unangenehme Fragen drängen ins Bewusstsein – Mag ich das alles machen? Macht das tatsächlich Sinn? Bin ich wirklich zufrieden? – und dann schnappen wir uns gleich mal die Fernbedienung und zappen die lästigen Gedanken weg und die Kinder schreien auch schon wieder und die Mitzi-Tant ruft an und die Emails sollten auch noch bearbeitet werden – Gott sei Dank, wir sind wieder vollauf beschäftigt, der Alltagstrott hat uns wieder. Mit seinem vielfältigen, nie abreißenden Strom von Problemen und Herausforderungen.

Erst wenn wir, einer großen oder kleinen (Lebens-)Krise wegen, aus diesem Alltagsrädchen fallen, sei es durch Krankheit, Jobverlust, Trennung, dann sind sie wieder da, die lästigen Fragen, die ungemütliche Leere, das große Schweigen. Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit nehmen dann schnell einmal überhand. Fragen nach Sinn und Wert tauchen auf, wer bin ich in dieser Leistungsgesellschaft, wenn ich nicht mehr funktioniere, wenn ich nicht mithalten kann oder mag, nicht ständig am Tun bin? Bin ich dann noch etwas wert?
Selbstzweifel nagen, das ständige Vergleichen lässt Unsicherheiten ins Unermessliche wachsen.

Solange, bis man den Schmerz durchschritten hat, bereit ist, neue Perspektiven wahrzunehmen, neue Sichtweisen zuzulassen. Gibt es ein Leben abseits von Leistungsmaximierung, Hektik und Stress? Die Antwort ist simpel: Ja.

Und meist findet sich der erste Schritt im Akzeptieren, im Annehmen dessen, was ist. Was ist, wenn ich mal aufhöre zu strampeln und kämpfen und verzweifeln, wenn ich einfach hinschaue, was ist? Gerade jetzt, in meinem Leben, mit mir? Annehmen kann der erste Schritt sein, um zur Ruhe zu kommen, Halt zu finden, wenn Körper und Seele schon heftig schwanken. Innehalten, die Leere aushalten, hinschauen, wahrnehmen – und annehmen. Erst aus dem, was ist, kann Veränderung, Neues entstehen. Erst wenn ich bereit bin hinzuschauen, kann sich ein neuer Weg auftun. Und es gibt stets viele Wege. Und viele Menschen, die verschiedene Wege gehen.

Was sind meine Bedürfnisse und meine Ziele? Meine Werte im Leben? Haben sie noch Gültigkeit? Weiß ich noch, was ich tue und warum?

Manchmal hilft es, Momente im Alltag zu finden, in denen man aussteigen kann, kleine Ruheinseln, kleine Oasen der Stille. Eine kurze Runde um den Block, wenn der Kopf raucht, ein Wanderung auf den nächsten Hügel oder Berg, eine halbe Stunde jeden Tag, die man nur für sich reserviert, ein Spaziergang in einer Sternennacht, ein warmes Bad, ein Wochenende auf der Alm oder in der Therme, weit weg von den Belastungen des täglichen Lebens. Reduzieren, runterkommen, Tempo drosseln, Halt machen und mal tief durchatmen – all das kann helfen, sich selbst und die Welt mit neuen Augen zu sehen. Und möglicherweise zu entdecken, das man dieses oder jenes nicht braucht, das man einiges anders machen, reduzieren, weglassen, vereinfachen könnte. Wer sich Zeit nimmt und genau hinschaut, wird Lösungen finden, die im Trubel des Alltags sonst nie sichtbar werden.
Wer bereit dazu ist, kann jederzeit den ersten Schritt tun – denn damit fängt jede Reise an.

 

IN: KLIPP, April 2011