Wenn das Leben zur Last wird

seit einiger zeit fällt es anna immer schwerer, morgens aus dem bett zu kommen. sie schläft schlecht, wacht jede nacht mehrmals auf und fühlt sich in der früh wie gerädert. auch ihre arbeit bei einer großen firma, die ihr bisher immer viel freude bereitet hat, interessiert sie nicht mehr so richtig. überhaupt gibt es kaum mehr etwas, das sie noch begeistern könnte. ihre tennisstunden läßt sie immer öfter sausen, den englisch-kurs bei der volkshochschule hat sie längst aufgegeben. anna fühlt sich schlecht. und sie hat ein schlechtes gewissen, weil sie so lasch ist und sich zu nichts mehr aufraffen kann. ihre freundin meint nur: „jetzt komm, reiß dich doch zusammen, du kannst doch nicht das ganze wochenende nur trübselig daheim herumsitzen. was ist bloß los mit dir?“

schlaflos, freudlos, antriebslos, hoffnungslos, ausweglos… ganz klar, anna weist die klassischen symptome einer depression auf, jener krankheit der „-losigkeit“. „mit einem wort: „es ist nichts mehr los!“, umschreiben psychiater salopp das krankheitsbild. und depression ist eine krankheit, das wird leider viel zu oft übersehen. nicht nur von den betroffenen, sondern auch noch von so manchen ärzten. viele menschen leiden an depressionen – mehr frauen als männer – aber nur wenige wissen es und noch weniger lassen sich auch entsprechend behandeln. dabei könnten vielen menschen viel kummer und leid erspart werden, nicht nur jenen, die erkrankt sind, sondern auch deren angehörigen, die oft hilflos zusehen müssen, wie ein vertrauter mensch sich verändert, sich zurückzieht, seine interessen verliert, apathisch und/oder gereizt wird.

beziehungen zerbrechen, arbeitsplätze gehen verloren, die lebensqualität sinkt – und irgendwann entsteht der gedanke, diesem unerträglichen leben ein ende zu setzen: „depressive sind suizidgefährdet“, wird uns auch von einem klinischen wörterbuch bestätigt. eine dramatische kette von reaktionen auf eine krankheit, „die wie ein chamäleon jede form annehmen kann“, erklärt der psychiater dr. günther klug, leiter des psychosozialen zentrums graz ost. „es fängt meist langsam an, die stimmung sinkt, man fühlt sich innerlich leer, wie ausgebrannt“. dazu kommt die soziale komponente: der rückzug von den anderen, man kann nicht mehr mitlachen, fühlt sich isoliert, ausgeschlossen. es folgen probleme bei der arbeit, probleme mit der konzentration. der tagesrythmus ändert sich, man fühlt sich schon beim aufstehen elend. ein weiteres symptom ist, daß die gedanken rotieren, man dreht sich im kreis, sucht nach lösungen für sein problem und fühlt sich schuldig, weil man so ist, wie man ist.„es kann allerdings auch sein, daß eine depression sich nur in körperlichen problemen äußert“, so klug, „vor allem der magen und die wirbelsäule sind anfällig.“

bei frauen ist oft speziell der unterleib betroffen, bei männern können sich versteckte depressionen in potenzproblemen äußern. typische zeichen sind auch die allgemeine körperliche abgeschlagenheit, man fühlt sich ständig matt und müde. andere mögliche symptome können sein: extremes schwitzen, frieren, ständig kalte hände und füße, appetitstörungen, gewichtsverlust, kopfschmerzen, ein druckgefühl in hals und brust, schwindelgefühle, sehstörungen, und, und, und – die liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen. „das krankheitsbild ist oft nicht klar ersichtlich, die depression versteckt sich gerne hinter anderen beschwerden“, beschreibt dr. klug diese tückische krankheit.

wie und warum bekommen manche menschen nun aber depressionen? „bei verlust eines nahestehenden menschen entsteht praktisch immer eine depressive verstimmung“, erklärt dr. klug. „diese vergeht üblicherweise nach einem halben bis dreivierteljahr“. was die meisten nicht wissen, ist, daß es mit nahezu schöner regelmäßigkeit nach etwas über einem jahr, wenn jeder denkt, die sache sei ausgestanden, einen rückfall gibt. klug: „zu diesem zeitpunkt tauchen alte geschichten wieder auf und oft kommt der mensch aus dem erinnerungsbild fast nicht heraus“.

neben verlusterlebnissen kann auch ein „burn-out“ zu depressionen führen – bei überarbeitung sinkt der energiespeicher, wer die grenze übersieht, kann in depressive stimmungen abstürzen. fast jeder kennt auch das stimmungstief nach einer langen, harten arbeit oder nach einer prüfung, auf die man sich intensiv vorbereitet hat: wider erwarten sind die menschen nach extremen leistungen nicht einfach erleichtert und glücklich, sondern sie fühlen sich erst mal leer und ausgebrannt – mit einem wort: deprimiert.

die psychiatrie unterscheidet grob drei formen, die auch mit ihren ursachen in zusammenhang stehen und bei der behandlung eine rolle spielen: einerseits die neurotische depression, bei der sich die ursachen in der lebensgeschichte eines patienten finden lassen. manch einer lernt nur auf diese weise, mit belastenden situationen umzugehen. in diesen fällen wird vor allem eine psychotherapie hilfreich sein. bei der somatischen depression unterscheidet man solche, die sich nach der diagnose von schweren krankheiten einstellen – wenn die zu erwartende lebenszeit oder die lebensqualität beeinträchtigt sind, wie bei behinderungen oder aids – oder solche, die aufgrund körperlicher fehlfunktionen zustande kommen, beispielsweise durch hormonmangel infolge einer schildrüsenunterfunktion. hier wird man in erster linie natürlich die körperlichen ursachen behandeln.

dann gibt es noch die sogenannte endogene depression: „diese ist veranlagung und tritt meist lebenslang bei jedem anlaß auf“, so der psychiater dr. klug. im gehirn eines menschen verändert sich der biochemische haushalt bei einer depression. so hat man beispielsweise herausgefunden, daß die produktion eines wichtigen botenstoffes gestört ist: bei jeder depression findet sich ein mangel an serotonin im gehirn. es gibt mittlerweile sehr gute medikamente, die hier abhilfe schaffen. in manchen fällen können diese medikamente einen menschen davor bewahren, ein pflegefall zu werden. die amerikanische sachbuchautorin colette dowling beschreibt in ihrem buch „befreite gefühle“ die notwendigkeit und wirkungsweise verschiedener medikamente. was jedoch nicht heißen soll, daß jede depression am besten und ausschließlich mit medikamenten, sogenannten psychopharmaka, behandelt werden sollte. in manchen fällen hat man mit lichttherapie oder auch mit einer schlafentzugtherapie gute erfolge erzielt. eine psychologische beratung bzw. eine psychotherapie ist in jedem fall nötig und angebracht.

keiner von uns ist gefeit vor dieser krankheit depression – wie es auch im vorwort zu colette dowlings buch formuliert wird: „millionen, wenn nicht -zig millionen menschen leiden irgendwann in ihrem leben an schweren gemüts- und angsterkrankungen“. wir alle erleben im laufe der zeit viele kritische und streßreiche ereignisse, wir müssen mit verlusten umgehen und mit veränderungen in unserem leben. ob pubertät oder klimakterium, der plötzliche ruhestand, scheidung oder krankheit – all diese ereignisse können depressionen auslösen. „es hat sich gezeigt, daß eine depression üblicherweise einen bestimmten verlauf nimmt“, schildert günther klug. nach einer tiefphase geht es in schwankenden schritten allmählich wieder bergauf.

„die schwankungen dabei, dieses ständige auf und ab, sind allerdings sehr belastend und schwer auszuhalten“. über rund sechs monate erstreckt sich eine depression – bis man irgendwann einmal wieder licht am ende des tunnels sieht. während dieser zeit helfen nur viel geduld und verständnis von anderen. was man einem depressiven menschen dabei niemals sagen sollte, ist unser typisches „reiß dich zusammen!“ denn dieser mensch tut bereits sein bestes – seine depression ist kein ausdruck von schwäche oder versagen, sondern ganz einfach eine krankheit, die auch als solche behandelt werden muß.

 

IN: KLIPP, 1998