Wenn der Tischler Taxi fährt

Nebenjobs boomen wie nie zuvor. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt, steigende Lebenskosten und mehr Freizeit führen dazu, daß immer mehr Menschen zum Nebenjob greifen. Ob als Versicherungsvertreter, Nachtwächter oder Kellnerin – für viele Menschen beginnt nach Arbeitsschluß der nächste Job. Sei es, um damit endlich die ersehnte Fernreise zu finanzieren oder um die drückende Schuldenlast besser abstottern zu können. So manch einer hat auch ein gewinnträchtiges Hobby, dem er seine ganze Freizeit widmet.

Es sind aber nicht nur Berufstätige, die nach Feierabend zum Zweitjob eilen. Gerade für Schüler, Studenten, Hausfrauen und Mütter, Pensionisten, aber auch Arbeitslose bietet der Nebenjob die Möglichkeit, sich ein kleines Einkommen zu sichern. Manchmal dient er auch nur dazu, um unter Menschen zu kommen, sich die Zeit zu vertreiben, nicht in der Einsamkeit zu versinken. So wie eine ehemalige Krankenpflegerin erzählt, die heute in Pension ist: Tag für Tag sitzt sie in ihrem Kammerl bei einer öffentlichen Toilettenanlage, blättert in Zeitschriften, plaudert hin und wieder mit jemandem, und kassiert die Gebühr für die Benützung. Auch für die Reinigung ist sie zuständig. Das alles für einen kaum nennenswerten Lohn. Aber auf die Frage , warum sie das macht, meint sie nur: „Ich bin froh, wenn ich unter Leute komme, wenn ich eine Aufgabe habe.“

Es gibt viele Tätigkeiten, die sich als Nebenjob eignen und anbieten – die klassischen Nebenjobs schlechthin sind wohl Babysitten und Taxifahren. In vielen größeren Städten haben sich schon eigene Babysitter-Agenturen gebildet, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Bedarf einsetzen und auch darauf achten, daß diese vertrauenswürdig sind und Erfahrung im Umgang mit Kindern haben. Sehr oft liest man auch Zeitungsanzeigen, in denen Babysitter oder einfach Kinderbetreuung gesucht wird. Eine tolle Variante für Mütter ist es auch, sich zur Tagesmutter ausbilden zu lassen. Der Verein Tagesmütter hat in der Steiermark viele Regionalstellen, wo er Informationen und mehrwöchige Ausbildungskurse anbietet. Die Tagesmutter wird in der Regel beim Verein angestellt und übernimmt je nach Vereinbarung bis zu vier Kinder, die sie neben ihren eigenen Kindern tagsüber betreut. Daneben sind auch schon vielerorts sogenannte Oma-Opa-Dienste entstanden: Ein Vermittlungsservice zwischen Senioren und Familien mit kleinen Kindern: Wenn die Eltern abends mal ausgehen wollen, springt die Leihoma ein (Vielen wird auch die Serie „Der Leihopa“ noch in Erinnerung sein, die der ORF vor einiger Zeit brachte).

Das Taxifahren ist ein völlig anderes Metier. Eine recht krisensichere Tätigkeit, denn Taxifahrer werden ständig gesucht. Die Voraussetzungen: Der Führerschein, Fahrpraxis, Freude am Autofahren und eine kurze Ausbildung. Meist wird in Schichten gefahren: Tag oder Nacht – und man kann sich aussuchen, wie oft und wann man fahren möchte. Viele Studenten nützen diese Gelegenheit, sich neben ihrem Studium etwas dazuzuverdienen. Eine weiter Variante für jene, die gern im Auto sitzen, ist die Autoüberstellung. Autoverleihfirmen brauchen immer wieder Fahrer, die auf Abruf PKWs in Österreich oder ganz Europa abholen oder zustellen. Mittlerweile hat sich auch eine umweltfreundliche Transportalternative entwickelt: Der Fahrradbotendienst. Wer gerne Fahrrad fährt und über eine ausgezeichnete Kondition verfügt, kann hier sportliche Ambitionen und Geldverdienen verbinden.

Aber abgesehen von diesen klassischen Jobs gibt es noch eine Menge anderer Tätigkeiten, für die immer wieder freie Mitarbeiter gesucht werden. Versicherungen beispielsweise sind ständig auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. Meist klappert man dabei verschiedene Haushalte ab und versucht Kunden für einen Versicherungsabschluß zu gewinnen bzw. betreut die derzeitigen Kunden. Dazu werden meist mehrtägige Seminare und Schulungen (kostenlos) angeboten, die den Arbeitseinstieg erleichtern sollen. Der große Vorteil: man kann sich seine Zeit frei einteilen, man kann viel oder wenig arbeiten, je nach Bedarf – man wird allerdings auch leistungsbezogen bezahlt.

Eine andere Variante ist der Verkauf per Telefon – ob Zeitschriftenabonnements, Werbeanzeigen oder Versandhandel, auch hier werden gerne freie Mitarbeiter eingesetzt, die sich stundenweise hinter’s Telefon klemmen und Kunden oder Interessenten durchtelefonieren. Wer den Konatkt mit Menschen liebt, ist auch bei Meinungsforschungsinstituten gut aufgehoben: Entweder mit Adressenliste ausgestattet oder nach einem speziellen Routenplan klappert man Haushalte oder Firmen ab, die man nach einem vorgegebenen Fragebogen interviewt. Auch bei dieser Tätigkeit kann man sich die Zeit frei einteilen, und die Interviews werden meist recht gut bezahlt. Eine extra Ausbildung ist nicht nötig.

Eine weitere Variante bieten Volkshochschulen und andere Erwachsenenbildungseinrichtungen: Wer über spezielle Talente oder Kenntnisse verfügt, hat hier gute Chancen. Gute Kursleiter und Vortragende sind immer gefragt. Seien es ein Gymnastikkurs, Vorträge zu bestimmten Themen, Malworkshops oder ähnliches – einfach mal anrufen und nachfragen bzw. sich vormerken lassen.

Eine gute Möglichkeit, sich zwischendurch mal ein bißchen Geld zu verdienen stellen auch die Messen dar. Bei den großen Grazer Frühjahrs- und Herbstmessen beispielsweise hat das Arbeitsmarktservice eine eigenes Messebüro eingerichtet, bei dem eine Woche vor Messebeginn verschiedene Jobs vergeben werden – meist im Gastgewerbe oder im Verkauf. Aber es lohnt sich durchaus auch, bei den verschiedenen Firmen direkt anzufragen, ob sie für ihren Verkaufsstand noch jemanden brauchen.

Gerade jetzt, seit die Öffnungszeiten schrittweise verlängert werden, suchen viele Großkaufhäuser stundenweise Personal, meist für die Abendstunden oder die Samstage. Wem es weniger ums Geldverdienen, denn um eine soziale Tätigkeit geht, der ist beim Roten Kreuz oder bei verschiedene Nachbarschaftshilfsaktionen gut aufgehoben. Rettungsfahrer müssen einen Erste-Hilfe-Grundkurs besuchen und werden dann meist für eine Schicht pro Woche eingeteilt. Das Sozial- und Begegnungszentrum (SBZ) in Graz sucht ebenfalls immer wieder Menschen, die sich gegen eine kleine Aufwandsentschädigung in den Dienst der Nachbarschaftshilfe stellen. Meist geht es dabei um die Betreuung älterer oder kranker Menschen.

Wer auf der Suche nach einem Nebenverdienst ist, sollte sich allerdings vor unseriösen Angeboten in acht nehmen: besonders bei Anzeigen, die nur ein Postfach als Kontaktadresse angeben und bei Arbeitsangeboten, für die zuerst einmal etwas bezahlt werden muß, bevor man erfährt, worum es geht. Im Zweifelsfall kann man sich bei der Konsumentenberatung der Arbeiterkammer oder bei der Wirtschaftskammer über die jeweilige Firma erkundigen – dort weiß man über viele „schwarze Schafe“ Bescheid. Aufpassen sollte man ebenso, daß man mit der Gewerbeordnung und dem Finanzamt nicht in Konflikt kommt. Wer glaubt, man könne einfach seine selbstgebackenen Kuchen überall und jederzeit verkaufen, wird bald die Bäckerinnung am Hals haben. Für gewisse Tätigkeiten braucht man nämlich einen Gewerbeschein.

Finden lassen sich die verschiedenen Nebenjobs am besten über den Anzeigenteil in Zeitungen. Sie können auch selber eine Anzeige aufgeben oder in ihrer Umgebung Zettel aufhängen. Hören Sie sich einfach um, erzählen sie ihren Freunden und Bekannten, daß sie ein wenig nebenbei arbeiten möchten. Oft findet sich eine Arbeit nur durch Mundpropaganda. Auch Arbeitsämter vermitteln übrigens teilweise Nebenbeschäftigungen.

 

IN: SAMSTAG, Mai 1997