Wenn die Haare grün werden

„Es ist einfacher, eine Nation zu regieren, als vier Kinder zu erziehen“, meinte bereits Winston Churchill. Und doch ist es so, daß wir für beinahe jede Tätigkeit, jeden Beruf eine Ausbildung brauchen, wir sollen Kenntnisse, Fähigkeiten erwerben, um unsere Aufgaben so gut wie möglich zu erfüllen – nur für die schwierige Aufgabe der Kindererziehung gibt es keinerlei Ausbildung. Keine Kriterien, keine Aufnahmeprüfung, keine Vorbereitung.

Problematisch wird es für viele Eltern vor allem, wenn ihre Kinder in die Pubertät kommen. Dieser Zeitabschnitt bezeichnet laut Lexikon den zwischen Kindheit und Erwachsenenalter liegenden Zeitraum der Entwicklung zur Geschlechtsreife. Im Durchschnitt spielt sich die Pubertät zwischen dem 8. und 16. Lebensjahr ab. Der Körper verändert sich gravierend, doch der mit der Pubertät einsetzende geistig-seelische Prozeß dauert noch wesentlich länger als der körperliche. Es ist eine Zeit der Umbrüche. Die Jugendlichen brennen darauf, sich von den Eltern, von Zuhause abzunabeln, ihre eigenen Wege zu gehen. Und das will meist auch nach außen demonstriert werden. Die Zeit der Revolten ist angesagt: Die Haare werden grün und violett eingefärbt, die Kleidung muß sich auffallend von der der Eltern unterscheiden, die ersten Zigaretten locken, die Werte der Freunde, der eigenen Clique werden weit wichtiger als die Gebote der Eltern. Interessant ist, was verboten ist. Die große Welt lockt, und die Schule wird meist nur mehr zum unnötigen Übel. Die Eltern werden oft als Spaßverderber, als Störenfriede empfunden, die aus völlig eigennützigen Gründen ihre Kinder vom großen Glück, von der großen Freiheit abhalten wollen. Die Jugendlichen sehen es schnell als mangelndes Vertrauen, wenn Eltern sich Sorgen machen, ihnen Grenzen setzen.

Doch diese Grenzen sind wichtig. Eine der schwierigsten Aufgaben für die Eltern während der Pubertät der eigenen Kinder besteht darin, eine Balance zu finden zwischen Loslassen und Grenzen setzen, einen Halt, eine Orientierung bieten. Jugendliche brauchen ihre Freiräume, um sich zu entwickeln. Die Pubertät ist eine Zeit der Suche, des Experimentierens, des Ausprobierens. Und doch soll sie nicht eine Zeit der grenzenlosen Freiheit sein. Dieses Gleichgewicht zu erhalten, ist die Aufgabe der Zeit. Dazu aber sind Konflikte nötig, Auseinandersetzungen, Gespräche. „Eltern tun den Jugendlichen keinen Gefallen, wenn sie aus einem Harmoniebestreben heraus versuchen, Konflikte um jeden Preis zu vermeiden“, das hat kürzlich eine Studie des Österreichischen Institutes für Familienforschung herausgefunden.

Was für Jugendliche als ungeliebte Kontrolle empfunden wird, ist für Eltern jedoch die Sorge um die Sicherheit ihrer Kinder. Sie wissen um die vielen Gefahren und möchten ihnen unangenehme Erfahrungen ersparen. Und doch ist es für die Jugendlichen nötig, eigene Erfahrungen zu sammeln und auch mit Niederlagen und Schmerzen umgehen zu lernen. So wird diese Zeit oft zum ständigen Kampf und für Eltern zu einer Zeit der permanenten Ängste. Konflikte können nicht ausbleiben. Doch gibt es in dieser schwierigen Zeit eine Menge Faktoren, die diesen Ablösungsprozeß erleichtern oder aber behindern können. Der Auf- und Ausbau außerfamiliärer Beziehungen beispielsweise wird von Eltern oft unterschätzt.

Doch ist es gerade für Jugendliche sehr wichtig, gleichaltrige Freunde und Freundinnen zu haben. Jugendliche sind keine „Ersatzpartner“, vor allem im Falle einer Trennung der Eltern. Überhaupt sollten Beziehungsprobleme der Eltern direkt und miteinander und nicht über die Kinder ausgetragen werden. Sonst kann es zu Loyalitätskonflikten kommen – „die Jugendlichen fühlen sich für die Zwistigkeiten bzw. den Fortbestand der Partnerbeziehung verantwortlich“, heißt es in der Studie. Allerdings bedeutet Zusammenhalt in der Familie nicht, daß es keine Konflikte geben darf. Wo Menschen zusammenleben, prallen unterschiedliche Wünsche und Meinungen aufeinander. Wichtig ist, wie man damit umgeht. Ob man diese Meinungsverschiedenheiten und Probleme unter den Teppich kehrt, ob einer dem anderen seine Meinung aufzwingen will oder ob man sich dieser Unterschiedlichkeiten bewußt ist und sie im gemeinsamen Gespräch zu lösen versucht, sind verschiedene Möglichkeiten, die eine große Rolle in der Erziehung spielen. Jugendliche wünschen sich, von ihren Eltern ernst genommen und akzeptiert zu werden. Sie wollen die Verantwortung für ihr Leben selbst übernehmen – und es ist Aufgabe der Eltern, ihnen diese Verantwortung Schritt für Schritt zu übergeben.

 

IN: FRAUENBLATT, Sept. 1997