Wie Sie sich besser durchsetzen

Irgendwie habe ich immer das Gefühl ein wenig auf der Strecke zu bleiben“, klagt Birgit H. (52). „Keiner hört mir zu, nimmt mich ernst. Wenn ich etwas sagen will, werde ich oft unterbrochen, so dass ich schon gar nichts mehr erzählen mag. Wenn ich mich mit meiner Freundin treffe, redet meistens sie. Sie berichtet, wie es ihr geht, was so geschehen ist in letzter Zeit, aber sie fragt mich nie, wie es mir geht.“ Manchen Menschen fällt es einfach schwer sich Gehör verschaffen, sie werden oft überredet, unterbrochen, überstimmt, überhört. Und meist schweigen sie dazu.

Alte Erziehungsmuster wirken nach: Vor allem Frauen wurden früher von klein auf eher dazu erzogen, sich zurückzuhalten, leise und unauffällig zu sein, anderen den Vortritt zu lassen. Sie haben vielleicht nie gelernt, sich durchzusetzen, ihre Meinung zu äußern. Und vielleicht auch, sich selbst wichtig zu nehmen. Denn das ist die Voraussetzung, dass mich auch andere ernst nehmen können. Dass ich eine Meinung habe und sie auch vertreten kann. Dass ich mich selbst für wichtig genug halte, dass ich anderen etwas über mich erzählen kann.
Zuhören einfordern: Wer etwas zu sagen hat, möchte gerne ausreden können. Wenn das Gegenüber ständig ins Wort fällt, hilft nur eines – eine mehr oder weniger dezente Aufforderung: „Ich möchte gerne ausreden. Bitte warte, bis ich fertig bin!“ Manchen Menschen fällt es schwer, das anzusprechen, aber es ist allemal besser als sich ständig „abwürgen“ zu lassen und dann nichts mehr zu sagen. Sie haben ein Recht darauf, zu Ende sprechen zu können!

Den Anfang wagen: Das setzt natürlich voraus, dass sie etwas sagen, Dass sie auch mal von sich aus erzählen. Dazu gehört Mut. Vor allem, wenn man das nicht gewohnt ist. Wenn man lieber darauf wartet, bis man gefragt wird – aber das kann manchmal lange dauern. Manchmal wird man nie gefragt. Also besser ein klein wenig aus sich herausgehen, allen Mut zusammennehmen und anfangen: „Du, hör mal, ich möchte dir gerne etwas erzählen!“

Die Überzeugung wichtig zu sein: Das bedeutet: Zu mir selber stehen. Herausfinden, was meine Meinung ist, was mir wichtig ist, was ich mitteilen möchte. Dann den Mund aufmachen und reden, sich trauen. Das kann man auch üben, daheim vorm Spiegel, mit guten Freunden, in Kursen und Seminaren, mit Hilfe von Büchern und DVDs. Sie müssen keine Monologe halten. Für den Anfang reichen ein paar Sätze, die Sie zu einem Thema äußern. Achten Sie dabei auf Ihre Stimme, sprechen Sie kraftvoll und nicht mit Fragezeichen, die mitschwingen.

Anregende Meinungsvielfalt: Es geht in den meisten Gesprächen nicht um richtig oder falsch, Sie müssen auch nicht erst Experte sein, um auf einem Gebiet mitreden zu können. Es geht oft nur um verschiedene Meinungen, Perspektiven, Erfahrungen. Vielleicht ist gerade Ihre Ansicht für den anderen eine wertvolle Bereicherung. Also: sagen Sie Ihre Meinung – lustvoll und selbstbewusst!

 

Leserbriefanfrage

Problem: Ich habe vor längerer Zeit schon einen wirklichen tollen Mann kennengelernt und mich in ihn verliebt. Wir sind jetzt seit einigen Wochen zusammen und sehr glücklich miteinander. Aber nun hat er mir erzählt, dass er (trockener) Alkoholiker ist und in eine Selbsthilfegruppe geht. Das hat mich doch geschreckt, kann so etwas gutgehen?
Hanna F. (39), aus Berlin

Lösung: Ein Alkoholiker ist immer gefährdet, wieder in seine Sucht abzurutschen. Das heißt aber noch lange nicht, dass man seine Alkoholsucht nicht besiegen und ein Leben lang „trocken“ bleiben kann. Wichtig ist die eigene innere Einstellung und Motivation. Wenn ihr neuer Partner bereits trocken ist, also nicht mehr trinkt, ist das eine gute Voraussetzung. Auch, dass er sich ihnen anvertraut hat – zwar spät, was verständlich ist, aber doch. Auch die Tatsache, dass er eine Selbsthilfegruppe besucht, spricht sehr für ihn. Das bedeutet, dass es ihm ernst ist und er bereit ist, sich seiner Sucht zu stellen und etwas dagegen zu unternehmen. Alkoholiker-Selbsthilfegruppen sind eine gute, oft lebenslange Begleitung und Unterstützung auf diesem Weg. Es gibt im Bedarfsfall auch Gruppen für Angehörige von Alkoholkranken. Zu Ihrer Frage also: ja, es kann sehr wohl gutgehen.

 

IN: DAS GOLDENE BLATT, 2013