Wie man in den Wald hineinruft…

daß fernsehen und alltägliche gewalt irgendwie miteinander in zusammenhang stehen, ist eigentlich längst kein geheimnis mehr. besorgte eltern, lehrerinnen und lehrer, bürgerinitiativen und infolgedessen auch politiker sowie wissenschafter in aller welt beschäftigen sich mit der frage: löst gewalt im fernsehen in unseren kindern und jugendlichen aggressionen aus?

die mehrheit meint: das fernsehen ist schuld, ja eigentlich sogar hauptursache der wachsenden gewalttätigkeit und aggressionsneigung in unserer gesellschaft. gewalt im fernsehen läßt unsere kinder zu willenlosen, enthemmten, gewalttätigen kleinen monstern werden – und wir als erwachsene, eltern, lehrerinnen, erzieherinnen oder sonstwie betroffene können nur ohnmächtig dabei zuschauen oder zum kampf gegen die fernsehanstalten rüsten.

dabei fängt das problem allerdings erst an: programmmacherinnen, mitarbeiterinnen von fernsehstationen, technikerinnen, regisseurinnen, produzentinnen, schauspielerinnen, statistinnen, musikerinnen, visagistinnen, kostümbildernerinnen und sonstige am filmemachen und -verbreiten beteiligte – sie alle sind erwachsenen, eltern und betroffene wie wir. und sie alle wirken zusammen und machen und zeigen filme.

man könnte noch einen schritt weitergehen: auch firmen und deren mitarbeiterinnen, die tvgeräte, satellitenantennen, videofilme, etc. herstellen, anbieten und verkaufen, tragen ihren anteil dazu bei, daß filme und damit gewalt in umlauf, sprich: in die heimischen wohn- und kinderzimmer, kommen. hier allerdings schließt sich der kreis wieder, denn wer kauft derartige produkte, leiht videofilme aus, schenkt den kindern zum geburtstag einen videorekorder? wir alle. eltern, lehrerinnen, erzieherinnen – wir alle konsumieren. wir wollen auch das konsumieren, was unsere kinder nicht konsumieren sollen. ein fernseher im haus ist eine unabdingbare selbstverständlichkeit. deshalb sei nun die frage noch einmal wiederholt: wer ist schuld an der aggression unserer kinder?

es wird ja kaum jemand auf die idee kommen, das rein technische gehäuse unseres fernsehgerätes, die leblose hülle, anzuklagen, nein, es ist ja schließlich der inhalt, der kritisiert wird – nur der inhalt wird von menschen gemacht. von vielen bösen, gewalttätigen menschen? zumindest von vielen menschen. und es wird immer mehr inhalt produziert, weil offensichtlich ein großer bedarf besteht – die nachfrage wächst kontinuierlich, deshalb wird kontinuierlich produziert, wie das eben so üblich ist in der freien marktwirtschaft. es stellt sich also die frage tatsächlich etwas anders, nämlich: wenn gewalttätige filme zu gewalt anregen, wer trägt dann die schuld daran, daß es so viele gewalttätige filme gibt? die produzentinnen, drehbuchautorinnen, schauspielerinnen und wie-auch-immer-filmbeteiligten?

darauf gibt es eine klare antwort: würde kein bedarf bestehen, würde sich niemand gewaltanregende filme ansehen, ließe sich damit kein geschäft machen, und die wie-auch-immer-filmbeteiligten wären entweder bald allesamt verhungert oder hätten ihr metier gewechselt. tatsache ist vielmehr, daß sich viele filmleute eher eine goldenen nase verdienen (zumindest diejenigen, die mit filmen á la rambo auf`s richtige pferd gesetzt haben). also das grüppchen der in der filmwelt beschäftigten kann nicht zum alleinigen, ausschließlichen missetäter gemacht werden. was im grunde auch auf kino- und videothekenbesitzerinnen und fernsehanstalten zutrifft – sie liefern nur, oder vor allem, was gewünscht wird (vielleicht nicht vom einzelnen gewünscht, aber doch von der mehrheit – die sich allerdings aus vielen einzelindividuen zusammensetzt, das sei aber nur am rande erwähnt). würden diese verteilermedien am publikumsgeschmack vorbeiverteilen, wären sie bald bankrott. denn das publikum hat immer die wahl: drückt es den knopf oder nicht.

die ungeheuerliche schlußfolgerung, die sich jedem leser, jeder leserin (die bisher nicht wutentbrannt weitergeblättert haben) nun aufdrängt, lautet: sind tatsächlich wir, wir alle als konsumierendes publikum, womöglich schuld an der gewalttätigkeit unserer kinder? weil wir durch unsere stetige nachfrage für ein ständig wachsendes angebot sorgen?

ein heißes eisen, denn dann gäbe es nicht mehr einen oder eine andere, der/die verantwortlich ist, sondern wir alle wären es. es ist verständlich, wenn viele leserinnen solche annahmen – aus reinem selbstschutz – gleich entrüstet von sich weisen, und/oder bestenfalls mit einem haufen rechtfertigungen zudecken („es gibt auch niveauvolle sendungen, kann nicht gleich den ganzen fernseher beim fenster rausschmeißen, der schund wird einfach mitgeliefert, kann die kinder nicht ständig kontrollieren“ usw.). die wohl beste rechtfertigung lautet: „ich sehe mir sowas ja nicht an“. wenn man all diese ichs allerdings zusammenzählt, kommt man schnell zu einer erstaunlichen mehrheit. wo stecken also jene anderen, die sich solche schundfilme reinziehen und damit schuld sind an der verrohung unserer kinder? die lösung ist einfach: haben sie persönlich beispielsweise filme wie „rambo“, „james bond“, „jurassic park“, „miami vice“ „das omen“ oder „die glorreichen sieben“ gesehen? dann wissen sie ja, wer die anderen sind – es sind unsere alter egos.

nun gut, der kreislauf hat sich geschlossen. finden wir uns damit ab, daß wir alle (ausnahmslos) unser scherflein dazu beitragen, daß wir alle verantwortlich sind für gewalt im fernsehen und seine möglichen auswirkungen. nach dem ersten schock ist das insofern gar keine so schlimme erkenntnis, wie man meinen könnte. denn mitverantwortung heißt auch, daß man mitverändern kann. wir brauchen nicht darauf zu warten, daß die anderen was tun. wir können selbst damit anfangen. übrigens – in internationalen wissenschaftlichen studien über die zusammenhänge zwischen gewalt im fernsehen und deren auswirkungen auf kinder, kam man zu der erkenntnis, daß diese zusammenhänge gar nicht so groß sind, und vor allem, daß fernsehen allein, wenngleich es zwar gewaltbereitschaft unterstützt, so aber nicht die ursache für gewalt und aggression sein kann.

es gibt nämlich einige faktoren, die diesen kreislauf sehr wohl verhindern. die anwesenheit von erwachsenen gesprächspartnern während des fernsehens, anschließende gespräche und diskussionen über sinn und inhalt des gesehenen, aufklärung über fiktion und realität und die möglichkeit, sich mit filmen bewußt auseinanderzusetzen, führen dazu, daß kinder sich nicht mehr von gewalt und aggressionen in filmen beeindrucken und beeinflussen lassen. kinder, die sich nicht in ermangelung leibhaftiger vorbilder und identifikationsfiguren mit den filmhelden identifizieren müssen, haben den kreislauf von fiktiver und realer gewalt unterbrochen. das können sie aber wiederum nur schaffen mit hilfe von erwachsenen, die zeit, verständnis, gespräche und anteilnahme für kinder aufbringen. in diesem fall spielt das fernsehen dann aber sowieso keine so große rolle mehr.

 

IN: FRAUENBLATT, Sept. 1997