Wieviel Vertrag verträgt die Liebe?

vor zehn jahren hing der himmel noch voller geigen. susanne b. war frisch verliebt, und ein knappes halbes jahr später war sie auch schon verheiratet. gemeinsam mit ihrem mann machte sie ein kleines geschäft auf. das erste kind war bald unterwegs. der traum ihres lebens hatte sich erfüllt. heute, zehn jahre später steht sie mit ihrer achtjährigen tochter alleine da. und nicht nur das. was ihr von ihrem ehemann geblieben ist, sind ein unüberschaubarer berg schulden und die nicht gezahlten unterhaltszahlungen – denn ihr einstiger ehemann lebt von der sozialhilfe. allein ihr kind gibt ihr heute noch die kraft durchzuhalten. susanne b. arbeitet tag und nacht, um die raten zu zahlen, die vom ehemals gemeinsamen geschäft, das ihr mann nach der trennung in den konkurs getrieben hat, übriggeblieben sind.

franziska ist 31. sie ist gerade dabei, ihre neue wohnung, die sie mit ihrem langjährigen freund beziehen will, zu renovieren. die wohnung gehört den eltern ihres freundes. die umbauarbeiten verschlingen eine unsumme an geld. alles muß neu gemacht werden: die heizung, das bad, die küche, der boden wird neu verlegt, die wände gestrichen. franziska steckt ihre ganzen ersparnisse in die wohnung. knapp 250.000 schilling. krach gibt es, als sie ihren freund bittet, er möge ihr doch schriftlich bestätigen, daß sie den gesamten umbau finanziert hat. er wirft vor, daß sie sich absichern wolle gegen ihn, dabei handle es sich doch um ihre gemeinsame wohnung – auch wenn sie vertraglich seiner familie gehöre. ob sie denn damit rechne, daß sie sich trennen werden? das sei keine liebe, wenn sie verträge haben wolle, bloß um ihr geld zu retten. der freund ist zutiefst gekränkt. franziska ist verunsichert, aber sie gibt nach. wahre liebe braucht keine verträge. und sie hat schließlich vor, mit ihrem freund zusammenzubleiben und irgendwann zu heiraten. er würde ihr nie schaden wollen…

das sprichwort „strenge rechnung, gute freunde“ scheint nicht für die liebe zu gelten. in liebesbeziehungen ist es geradezu verpönt, von geld und verträgen zu sprechen. jede partnerschaft oder ehe wird getragen von dem hoffnungsvollen wunsch, ein leben lang zusammenzubleiben. und irgendwie scheint eine absprache über mögliche finanzielle regelungen im falle einer trennung ein potentielles ende anzukündigen, von dem man aber nicht das geringste wissen will. vogel-strauß-politik? natürlich weiß heutzutage jeder, wie leicht beziehungen in die brüche gehen. die scheidungsraten steigen. und die mitarbeiterinnen in den verschiedenen frauenberatungsstellen und frauenhäusern können ein lied davon singen, wie viele verzweifelte frauen bei ihnen schutz und hilfe suchen, weil sie aus einer unerträglichen ehe geflüchtet sind, und jetzt mit nichts dastehen. die wohnung oder das haus, das gemeinsame geschäft oder lokal, das konto, alles läuft auf den namen des mannes. auch gesetzliche regelungen über unterhaltszahlungen weisen noch immer genügend lücken auf, durch die so manche frauen durchfallen und dann wirklich vor dem nichts stehen. aus der einstmals liebevollen partnerschaft ist ein zäher kleinkrieg geworden. wenn eine frau keine ausbildung hat und ihr leben lang für haushalt und kindererziehung zuständig war, hat sie oft wenig chancen, einen arbeitsplatz zu finden. vor allem, wenn die kinder noch klein sind und betreut werden müssen.

und dennoch: solche schicksale passieren immer nur den anderen, nie einem selbst. das ist ähnlich wie bei unfällen, verbrechen, kriegen oder attentaten, von denen man in der zeitung liest. man seufzt: „furchtbar, grauenvoll“ oder man erklärt: „die sind selber schuld“, auf jeden fall geht man meist von der irrationalen hoffnung aus, daß man selbst von solchen schicksalschlägen verschont bleiben würde. nach dem motto: wenn ich die augen zumache, sieht mich auch keiner! selbst die vernünftigsten menschen werden, wenn es um die liebe geht, zu hoffnungslosen romantikern. lieben heißt vertrauen. bedingungslos. oder blind?

warum fällt es so schwer, sich vorzustellen, daß zwei menschen sich im laufe ihres lebens auch ändern können, daß zwei menschen sich auseinanderleben und manchmal sogar hassen können? daß man den anderen nie ganz kennen wird? auch in der glücklichsten beziehung fallen im streit oft böse, verletzende worte. „abgeredet vor der zeit gibt nachher keinen streit“, sagt ein sprichwort. in einer friedlichen, entspannten situation lassen sich gemeinsame angelegenheiten und regelungen viel besser besprechen, als wenn die stimmung schon gespannt und jeder der beteiligten schon viel zu verletzt ist, als daß er dem anderen noch zuhören würde.

in vielen umfragen und untersuchungen hat man herausgefunden, daß geld eines der häufigsten dinge ist, über die in partnerschaften gestritten wird. vor allem für frauen ist auch die welt der geschäfte und verträge noch ein relativ neues terrain. sie haben oft probleme damit, in einer emotionalen beziehung sachlich über finanzielle angelegenheiten zu reden und ihre persönlichen rechte wahrzunehmen und zu verteidigen.

kann aber liebe nicht auch bedeuten, daß man mit dem anderen gerade deshalb alle möglichen konflikte von vornherein klärt und die finanziellen seite so regelt, daß beide gleiche rechte und ansprüche haben, eben weil man den anderen liebt und ihn in jedem fall schützen möchte? auch vor sich selbst? ist es liebe, wenn einem partner alles gehört und dem anderen nichts? heißt das nicht, daß einer blind vertrauen muß, während der andere doch abgesichert ist?

verträge haben etwas geschäftliches an sich. verbunden sind damit zahllose assoziationen von wegen mißtrauen, betrug, hinterlist, der bedacht auf den eigenen vorteil, absicherung. wir schließen alle möglichen versicherungen ab gegen eventuelle unglücksfälle. wir legen sparbücher an und wertpapiere, zahlen unsere pensionsversicherung ein – damit es uns auch in der zukunft gut geht. in allen bereichen unseres lebens sind wir bemüht, uns abzusichern. nur in einer liebesbeziehung dürfen solche dinge keinen platz finden. das widerspricht unserer vorstellung von tiefen, aufrichtigen gefühlen. und doch sind wir erwachsenen menschen, die die ungeheure möglichkeit haben, in die zukunft zu denken, zu wissen, daß auch eine beziehung nicht immer glücklich verlaufen kann. wenn man mit seinem partner über solche dinge nicht sprechen kann, wie weit steht es dann tatsächlich mit dem vertrauen und der offenheit, mit der liebe?

 

IN: FRAUENBLATT, 1996