Zeit statt Geld – Talentebörse

Sie möchten Bio-Produkte einkaufen – und bezahlen dafür nicht mit Geld, sondern mit Ihren speziellen Fähigkeiten. Sie brauchen eine Hilfe für die Gartenarbeit – und zahlen mit Zeit. Zeit, die Sie mit Tätigkeiten verbringen, die Sie gerne tun, die Ihnen Spaß machen. Eine Utopie, eine unsinnige Idee? Keineswegs.

Madeleine und Frank Bernzen, ein Ehepaar in Graz, haben diese Idee in die Wirklichkeit umgesetzt. Sie haben praktisch ein neues Wirtschaftssystem großgezogen, das unabhängig von Geld funktioniert. Wobei dieses Wirtschaftssystem so neu gar nicht ist: Getauscht haben die Menschen nämlich schon lange, bevor die „Währung“ Geld aufgekommen ist. „Und in Zeiten der Not, in Kriegszeiten entwickelt sich dieses System ganz von selbst“, betont Frank. Ein junger Mann aus Bosnien habe ihnen kürzlich die Zustände in seiner Heimat geschildert: Keiner hat Geld, um sich etwas zu kaufen, aber jeder hat doch etwas, das er anderen anbieten kann, das er eintauschen kann: Hilfe beim Hausbau, ein paar Kartoffeln vom Feld, Stoffe, aus denen man Kleider nähen kann usw.

Wie aber funktioniert der Talente-Tausch in Graz? Ganz einfach: Jeder bietet das an, was er gerne tut oder wovon er reichlich hat. Und sucht sich Hilfe für jene Arbeiten, die ihm weniger liegen. Abgerechnet wird in Zeit. Wobei die Zeiteinheiten individuell festgesetzt werden, sich aber im Großen und Ganzen an etwa 100 Schilling pro Stunde orientieren. Das hört sich dann etwa so an: „Wir bieten Freilandeier und Kürbiskernöl gegen Zeit“ oder „Levis-Jeans 615, neuwertig, für drei Stunden abzugeben“ oder aber „Biete selbstgebackenes Brot gegen Klavierunterricht“. Wenn jemand etwas hergibt oder für einen anderen tut, bekommt er Plusstunden gutgeschrieben, der andere ist dafür um diese Stunden im Minus. Die Angebote und Nachfragen werden in der Marktzeitung gesammelt, die alle ein bis zwei Monate an die Talente-Tausch-Mitglieder verschickt wird. Außerdem bekommt man einen Plus-Minus-Zettel, auf dem genau eingetragen wird, wieviel Zeit man eingetauscht hat.

„Der große Vorteil bei diesem System ist, daß alle gleich sind. Egal, um welche Tätigkeiten es sich handelt, es gibt keine horrenden Stundensätze, denn jeder tut schließlich das, was er gerne tut“, erzählt Frank. Und noch eine Abweichung von unserem Geldsystem gibt es: Es fallen keine Zinsen an. Meine drei Minusstunden werden im Laufe der Zeit nicht automatisch mehr, aber auch drei Plusstunden sind in einem halben Jahr noch immer nur drei Plusstunden, wenn ich sie nicht eingetauscht habe. Es hat zu allen Zeiten schon Ökomomen, Philosophen und Wirtschaftswissenschafter gegeben, die unser Geldsystem als ungerecht und wirtschaftlich ungesund kritisiert haben. Geld wird gerne gehortet, weil es Zinsen bringt, aber die Wirtschaft rumpelt in den Keller, wenn Geld nicht in Umlauf gebracht wird.

Genauso ist es auch beim Talente-Tausch: „Wir können hier im Kleinen beobachten, wie ein Wirtschaftssystem funktioniert“, erzählt Frank. „Wichtig ist bei uns das Nehmen und Geben, niemand hat etwas davon, wenn er Stunden hortet. Unser System funktioniert nur, wenn alles im Fluß ist. Deshalb ziehen wir auch die Notbremse, wenn ein Mitglied mit zu vielen Stunden im Plus oder Minus ist. Das heißt, wir machen denjenigen darauf aufmerksam, daß es an der Zeit wäre, sich am Tauschgeschäft zu beteiligen. Natürlich können wir niemanden zwingen, wir können auch nicht verhindern, daß jemand nur konsumiert, aber nichts hergeben will. Wir können so jemanden letztendes nur vom Talente-Tausch ausschließen.

Aber selbst dann erleiden die anderen keinen Verlust, denn sie haben ihre Plusstunden ja weiterhin“. Zum Glück ist dieser Fall noch nicht vorgekommen. Schließlich wissen alle, daß dieses Tauschnetz auch auf Vertrauen basiert. „Wir nehmen auch gar niemanden auf, der hier sozusagen nur konsumieren will. Oder jemanden, der lediglich seine Produkte anbieten möchte“, schildert Madeleine ihre Grundsätze. Der Talente-Tausch ist nicht gewerblich orientiert, er soll auch nicht als Forum für Schwarzarbeit mißverstanden werden. Das ganze Prinzip ist als erweiterte Nachbarschaftshilfe zu verstehen, nach dem Motto: Ich helfe dir, und Du hilfst mir.

„Aber wer geht heutzutage noch zur Nachbarin, wenn er mal schnell ein bißchen Butter braucht?“, bedauert Madeleine das Aussterben dieser ursprünglichen Nächstenhilfe. In Wohnblöcken kennt man seine Nachbarn oft nicht mal. „Traut Euch, einander zu brauchen!“, möchte Madeleine manchmal aufschreien. Denn natürlich kann diese gegenseitige Unterstützung auch ohne ein ausgeklügeltes Tauschsystem funktionieren: „Wir wollen alle auffordern, diese Art der gegenseitigen Hilfeleistung wieder stärker zu nützen, ob mit oder ohne Talente-Tausch“. Aber es gibt auch einen Vorteil bei ihrem Tauschhandel: Niemand braucht sich ausgenützt fühlen. Denn jeder kann gleich viel geben wie nehmen – umgerechnet in Zeit.

„Man kann Zeit ebenso tauschen wie Geld, und man kann sich mit Zeit viel ermöglichen. Vor allem aber tauscht man unbequeme Zeit gegen bequeme ein. Je mehr Mitglieder wir haben, desto größer wird auch die Bandbreite dessen, was ich eintauschen kann. Bei nur Zweien ist es oft schwierig, denn der eine braucht vielleicht die Hilfe des anderen, aber nicht umgekehrt. Durch ein großes Netz an Tauschpartnern kann ich mir das holen, was ich brauche und woanders das anbieten, was ich habe“, ergänzt Frank Der Talente-Tausch ist aber mehr als nur das: Oft entstehen hier gute Freundschaften, man kommt wieder miteinander ins Gespräch. Tauschen setzt Kommunikation voraus – und auch Handeln ist durchaus gefragt.

Ein weiterer Zweck des Talente-Tausch-Kreises ist es auch, brachliegende Talente (wie der Name schon sagt) zu nutzen. Frank beispielsweise repariert gerne alte Uhren: „Ich glaube, das es wichtig ist, daß man nicht nur auf seine Beruf festgelegt, sondern auch in anderen Bereichen kreativ ist“. Jeder hat etwas, das er anbieten kann, sind Madeleine und Frank überzeugt: Ob ich für jemanden die Blumen gieße, wenn er in Urlaub ist oder einen Mittagstisch anbiete, weil ich ohnehin gerne koche, ob ich bei der Gartenarbeit helfe oder selbstgemachte Marmelade eintausche gegen Hilfe beim Putzen oder Bügeln – die Liste der Möglichkeiten ist endlos. Die Marktzeitung ist mittlerweile in 27 Rubriken gegliedert, von Beratung über Dienstleistungen, Kunst und Literatur bis hin zu Nahrungsmittel, Reparaturen, Kleidung und Wohnen.

Die Idee dieser erweiterten Nachbarschaftshilfe existiert schon lange. In Kanada, den USA, in Neuseeland und Großbritannien haben sich bereits solche Gruppen zusammengefunden. „Wir haben eines Tages im Radio ein Sendung darüber gehört und waren begeistert von dieser Idee. Als wir dann einige Zeit später auch noch einen Artikel dazu in einer deutschen Zeitschrift gefunden haben, haben wir beschlossen, selbst so einen Tauschkreis auf die Beine zu stellen“, schildern die beiden die Anfänge ihrer Tauschbeziehungen. Eine erste Anzeige sollte klären, ob es überhaupt möglich ist, anderen dafür zu interessieren. „Biete Deutsch als Nachhilfe oder für Ausländer gegen Hilfe in Haus und Garten“, hat Madeleine inseriert. Ein junger Mann hat sich gemeldet, und das erste Tauschgeschäft war perfekt. Auch Freunde und Bekannte der Bernzens haben die Idee unterstützt, und so wurde vor eineinhalb Jahren der Talente-Tausch Graz offiziell ins Leben gerufen.

Heute gibt es bereits 85 Mitglieder aus dem Raum Graz und Umgebung, und in der Marktzeitung kann man aus über 300 Angeboten und Nachfragen auswählen. Einmal im Monat findet ein Treffen für alle Mitglieder und Interessenten statt, bei dem man sich kennenlernen, plaudern und über neue Tauschgeschäfte verhandeln kann. Viermal im Jahr veranstalten Madeleine und Frank auch ein großes Fest für alle. Das üppige Buffet wird dann ganz im Sinne des Talente-Kreises von allen zusammengestellt: Jeder bringt das mit, was er gerne macht.
Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, kann sich jederzeit näher informieren oder gleich einsteigen: Entweder kommt man direkt zum Talente-Tausch-Treffen, jeweils am letzten Mittwoch jeden Monats um 19 Uhr im Grazer Raiffeisenhof, oder man wählt die Telefonnummer von Madeleine und Frank Bernzen: 0316/282051 und fragt nach.

Es gibt übrigens auch in anderen österreichischen Städten, wie in Wien und Linz, bereits eigene Gruppen. Bis zum Sommer ist sogar ein überregionales Vernetzungstreffen geplant, bei dem über österreichweite Tauschmöglichkeiten beraten werden soll.

 

IN: SAMSTAG, Mai 1997