Notizen von unterwegs

Ich sitze bei einem schönen Schreibtisch aus dunklem Holz, neben mir eine Tasse Tee, vor mir mein Laptop. Es ist der dritte Tag meiner Reise. Der dritte Tag hintereinander mit Regen, einer durchgehenden, undurchdringlichen grauen Wolkendecke und heftigem Sturm. Seit ich hier auf Mallorca bin, auf einer wunderschönen Finca mitten im Landesinneren, habe ich die Sonne noch nicht gesehen. Es ist Mitte April und daheim in Österreich schwitzen Familie und Freunde bei 20, 22 Grad und mehr. Aber: es ist egal! Ich habe kein Problem mit dem Wetter. Ich bin hier, an einem anderen Ort, weit weg von meinem üblichen Tagesallerlei – und ich genieße die Ruhe, die Stille, das für-mich-sein-können, das nichts-tun-müssen. What a Feeling !!!

Reisen – seit jeher ein Zauberwort für mich. Raus aus dem Alltag, unterwegs sein, Neues kennenlernen, sich im eigenen Rhythmus bewegen, Zeit haben, sich treiben lassen, schauen, riechen, staunen, sich erholen, sich inspirieren lassen, frei sein – das sind die Zutaten für meine Art zu reisen. Ich bin keine Abenteuer- und keine Luxusreisende. Elendslange Fernreisen, durchorganisierte Kreuzfahrten, stundenlanges im-Flieger-eingezwängt-sein oder allein durch die Wüste, zu Fuß zum Nordpol, mit dem Segelboot um die Welt – nichts für mich! Noch schlimmer: der Wochenend-Shopping-Trip nach New York, die Rund-um-die-Uhr-Bespaßung plus rund-um-die-Uhr-Buffet im All-in-Club oder die 4-Tage-durchs-ganze-Land-Rundreise im klimatisierten Gruppenreisebus mit Dauerberieselung – igitt! Es gibt genug Menschen, denen das gefällt – aber meins ist es nicht!

Ich bin gerne alleine unterwegs oder mit ein oder zwei Lieblingsmenschen. Ich gestalte meine Zeit gern selber, versuche auf meine Bedürfnisse zu achten, in meinem Tempo zu leben – etwas, dass im Alltag nur allzu oft zu kurz kommt. Es ist schön, wenn sich unterwegs Raum und Zeit finden lässt für Unvorhersehbares, für Spontanes, Genussvolles. Zeit zum Nachdenken, Nachspüren… „Sich den Luxus der Langsamkeit zu gönnen“, schreibt Katrin Zita in ihrem Buch: „Die Kunst allein zu reisen und bei sich selbst anzukommen“. Und weiter: „Weg vom rasenden Lebenslauf und hin zu den eigenen Rhythmen und dem Zauber des Augenblicks. Auf Reisen mit sich allein ist ein wahrer Befreiungsschlag von den Zwängen der Zeit möglich.“

Dennoch: damit liege ich nicht im Trend der Zeit. Ich reise nicht mit Reiseführer, reihe mich nicht ein in die Schlangen vor den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die im Paket abzuarbeiten sind. Ich kann nicht mit impossanten Fotos aufwarten, die jedes Hochglanzmagazin schmücken könnten. Das sorgt manchmal bei lieben Daheimgebliebenen für Erstaunen: Was, du warst nicht… ? Was, du gehst abends nicht zum Abendessen? Was, du hast dir keine Auto ausgeborgt, sondern bist zu Fuß gegangen/mit dem öffentlichen Bus gefahren? Was, du hast keine Souvenirs… ? Was, du hast den Fernseher im Zimmer hinter dem Schreibtisch versteckt? Was, du hast drei Tage nur auf der Couch verbracht und gelesen???

Reisen ist für mich kein Hochleistungssport. Mit dessen Hilfe man seine Freizeit minutiös, effizient und für andere möglichst beneidens- oder bewundernswert gestaltet. Wie oft erlebe ich, dass Menschen sich mitten in einem aufreibenden Alltag punktgenau auf eine durchgetaktete, durchorganisierte Reise begeben, mit einer genauen Liste aller Dinge und Erlebnisse, die es abzuhaken gilt. Zwei Nächte dort, drei Sightseeings hier, die Kathedrale, das Museum, der Markt, rauf auf den Berg, zur geführten Wanderung, der Käseverkostung und abends noch zur Folkloreveranstaltung. Rasch die sozialen Medien bedienen, dazu Fotos, so viele wie möglich – damit man daheim dann vielleicht einmal in Ruhe schauen kann, wo man eigentlich überall war…

Ach ja…

Ich entscheide gerne vor Ort, was ich machen möchte, worauf ich Lust habe. Die drei Tage Regenwetter hier können mir nichts anhaben – ich genieße es, einmal so richtig NICHTS zu tun. Gepflegter Müßiggang. Schlafen, so viel und so lange ich will. Köstliche Speisen, die ich mir morgens und mittags vom kleinen, aber feinen Buffet nur nehmen muss. Auf der Couch liegen, die Palmen beobachten, die vom Wind durchgebeutelt werden. Morgens meine Yogastunde, das ist Aufgabe genug. Lesen – Bücher, Zeitschriften, im Internet herumtrödeln. Gelegentlich mit lieben Menschen plaudern. Und: Ideen ausbrüten, Pläne schmieden, Notizen machen – denn: die Kreativität kehrt allmählich zurück.

Ja, das ist Urlaub, das ist Abwechslung! Das ist letztlich sogar Abenteuer, weil: eine Reise zu sich selbst, wie es Katrin Zita so schön beschreibt: „Ich denke, dass wir auf Reisen mit uns selbst wunderbar lernen können, unserer inneren Stimme besser zuzuhören.“

Ich lausche also weiterhin und bin gespannt, was die nächsten Tage bringen werden…