Ohne Baum geht gar nichts

Ich lebe in der Stadt. Einer mittelgroßen Stadt. Immer schon. Als Kind war es ein Haus mit Garten. Und vielen Büschen, Bäumen, Gemüse- und Kräuterbeeten. Mit Blumen aller Art und einer Thujenhecke rundherum. Jetzt ist es eine Wohnung. Mit Balkon. Und Blumenkistchen. Und Kräutertöpfen. Und Bäumen vorm Fenster. Direkt vor mir, vor meinem Balkon, die Birke. Zum Greifen nahe. Einer meiner Lieblingsbäume. Sie wacht über mich von draußen. Lächelt herein. Treibt und knospt jedes Jahr aufs Neue. Hat gerade ihr Blätterwerk abgeworfen und macht sich nun für die Winterruhe bereit. Voriges Jahr habe ich hier erstmals eine Weide gepflanzt. Und in diesem Jahr eine kleine Fichte… Waisenkinder, fortgegeben aus einem anderen Garten, wo sich kein Platz für sie fand.

Sooft ich Zeit finde, gehe ich in den Wald. Es gibt hier in der Nähe glücklicherweise gleich zwei wilde, verwunschene Wälder. Wo die Natur noch Natur sein darf. Und einen Park. Mit Bänken und Büschen und einer Allee zum Spazierengehen. Bäume überall. Ich sag mal so: Ohne Baum geht bei mir gar nichts! Ich brauche Bäume. Und Büsche. Und Pflanzen. Und Gras. Und Grün. Heute mehr denn je. Wenn mir der Rücken vom vielen Sitzen krumm wird, gehe ich raus, in den Park, in den Wald. Wenn der Kopf raucht, wenn Probleme mich quälen, wenn die Arbeit nicht enden will, die zündenden Ideen nicht kommen wollen – dann gehe ich raus.

Ich laufe durch den Wald, lehne mich an Bäume, streife ehrfurchtsvoll mit der Hand über dunkle Rinde, morschig und zerfurcht. Bestaune das wilde Chaos, das die Natur so anrichtet. Und das doch, einem geheimen Plan folgend, Sinn ergibt, Nutzen birgt, so viel mehr bedeutet, als je mit bloßem Auge sichtbar wäre. Unser Verstand wird wohl nie zur Gänze erfassen können, wie hier alles und jedes mit allem und jedem zusammenhängt. Sich ergänzt, befruchtet, bereichert. Nur tief im Inneren ahnen, erspüren kann man es vielleicht. Dass es hier ein unendlich großes Ganzes gibt, das zusammenwirkt. Und dessen Teil ich sein darf. In der Natur geht es um mehr. Weit mehr als unser kleines Menschenhirn fassen kann. Die Natur führt uns in andere Dimensionen. Sie war vor uns und sie wird nach uns sein. Sie ist eindeutig größer, unendlicher, weiser als wir. Sie fließt durch den Rhythmus der Jahreszeiten. Verändert sich mit ihm. Sie heilt. Sie tröstet, sie beruhigt. Hier geschieht Verwandlung, praktisch ununterbrochen. Und ich, wir alle, sind eingebunden in diese großen Zusammenhänge.

Alles, was mir zuvor noch überdimensioniert, unfassbar wichtig erschienen war, mein Denken besetzt, mein Fühlen belagert hatte – im Wald schrumpft es. Auf handhabbare Größe. Der Geist wird durchflutet, der Körper darf entspannen. Mein Herz wird weit, die Sinne öffnen sich. Das ist der Vorteil meines Lebens. Wie ich es mir gestaltet habe. Ich kann mir meine Zeit selber einteilen. Ich bin selbstständig, arbeite freiberuflich. Ich entscheide, wann ich arbeiten und wann ich ruhen will. Und wann es Zeit ist, in den Wald zu gehen. In den Park. Zu meinen Bäumen. Wenn nichts mehr geht, kann ein Ausflug nach draußen Wunder wirken.

Im Sommer bin ich einen Großteil meiner Zeit im Grünen gesessen. Jetzt im Herbst schaue ich zu, wie die Blätter von den Bäumen nieseln, tanzen, regnen, schaukeln. Auf der Erde zu einem raschelnden Laubmeer verschmelzen. Selbst wenn ich nicht rausgehe gerade, im Moment, heute, dann blicke ich beim Fenster raus… während der Arbeit, beim Essen, beim Dösen auf der Couch. Ich betrachte die Bäume und Büsche, beobachte ihre stete Verwandlung, freue mich über Raben, Spatzen und Eichhörnchen, die sich im Geäst tummeln, lasse mich ablenken vom Wind, den ersten Schneeflocken, berauschenden Sonnenuntergängen. Immer, immer hat die Natur etwas zu bieten, immer reisst sie mich raus aus Angst und Lethargie, aus Schwere und Hoffnungslosigkeit, aus Dumpfheit und Erschöpfung.

Könnte ich also leben ohne sie? NEIN.

Könnte ich schreiben, atmen, lieben ohne sie? NEIN.

Dieser Text ist Teil der Blogaktion „Vom Wert der Natur in der Selbstständigkeit“, den Silke Bicker gestartet hat – sie ist Referentin für Presse-/Öffentlichkeitsarbeit und Umweltkommunikation in Osnabrück.

In ihrem Blog schreibt sie über „Aktuelles aus dem erdhaftigem Büro“ und gibt Tipps zu „Öffentlichkeitsarbeit und zum Grün um uns herum“.