Von Lebensträumen und deren Verwirklichung

Unlängst saß ich mit Freundin S. und Freund G. zu einem gemütlichen Plausch im Kaiserfeld zusammen. Unser Thema drehte sich um Träume, die man so hat im Leben und an deren Verwirklichung man mehr oder weniger hart arbeitet.

Als Kind war es mein Traum Schauspielerin zu werden und nach Amerika gehen, erzählt S. und verdreht die Augen – diese Hirngespinste hab ich mir dann doch recht bald aus dem Kopf geschlagen. Ja, warum denn, fragt G. erstaunt, du hättest sicher das Zeug dazu gehabt! Ach was, kindische Phantastereien waren das, stellt S. klar, man kann sich doch als Erwachsener nicht von seinen Kinderträumen leiten lassen! Warum denn nicht, insistiert G., warum sollen wir unsere Träume denn nicht leben? Heißt erwachsen werden, dass wir nur mehr Dinge tun, die uns nicht interessieren? Wer sagt denn, dass das Leben keinen Spaß machen darf? Dass man nicht umsetzt, was einem wirklich wichtig ist?

Das meine ich ja nicht, brummelt S., aber meine Träume schauen heute eben anders aus, sie haben sich gewandelt. Zum Beispiel, wovon träumst du heute, werfe ich neugierig ein. Naja, S. wird ein wenig rot im Gesicht, ich würde gerne mit Tieren arbeiten, flüstert sie, mit Pferden, Therapie oder so etwas … ich weiß auch nicht… aber damit kann man halt kein Geld verdienen, stellt sie trotzig fest. Warum denn nicht, quält G. weiter. Es gibt Pferdetherapie und es gibt Menschen, die damit Geld verdienen und selbst wenn es sie noch nicht gäbe, könntest du die erste sein, die so etwas auf die Beine stellt. Ach G., du bist ein Träumer!

Wovon träumst du denn, frage ich G., der in solche Sachen ja recht kompetent zu wirken scheint. G. windet sich nun doch ein bisschen, also ich würd gern mal eine Weltreise machen und alle Kontinente abklappern… Ja und? Naja, momentan arbeite ich noch daran, murmelt G. ein wenig lustlos, letztes Jahr waren wir immerhin drei Wochen auf Kuba.

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Und so kamen wir nach beinharter Selbsterforschung dahinter, dass wir alle, wie wir da saßen, erstens wohl unsere Träume hatten, sie zweitens aber in irgendwelchen Schubladen vergraben und offenbar für ein nicht näher definiertes „später“ aufgespart hatten und davon bisher noch nichts erreicht oder umgesetzt war.

 

 

Diese Gemeinschaftserkenntnis tat erst mal weh. S. bestellte auf den Schreck gleich mal eine Flasche Prosecco, denn dieser Abend schrie nach Trauerarbeit und Trost. Mit unseren nun aufgedeckten Geheimnissen konnte keiner mehr einfach so heimgehen und sich unbekümmert schlafen legen. Unsere kleine Selbsthilfegruppe hatte Entscheidendes zu Tage gefördert und da wollten wir dran bleiben.

Also, fragt G. nochmals, die drei wichtigsten Träume, die du in deinem Leben verwirklichen willst? Ich mache den Anfang: also ein Haus mit Garten mein eigen nennen, endlich den richtigen Mann zum lieben, lachen und leben finden und als Schriftstellerin reüssieren. Aha. Ungefähr so greifbar nahe wie ein Spaziergang am Mars, stellt G. grinsend fest. Und erntet einen furchtbar bösen Blick.

Jetzt du!

Okay, setzt G. mit fester Stimme nach, meine Weltreise steht an erster Stelle, ein veröffentlichter Fotoband und … äh, darf ich das sagen?… also, irgendwie hätt ich immer gerne einen Orden verliehen bekommen für besondere Verdienste, ich weiß bloß noch nicht, welche das sein könnten. Aber so eine Auszeichnung, davon hab ich immer geträumt, am besten vom Bundespräsidenten höchstpersönlich und meine Kinder schauen alle zu und sind mächtig stolz…

Und S., was hat S. noch für Wünsche in ihrem Traumkistlein? Ich hab mir immer ein Kind gewünscht! S. schluckt, aber jetzt bin ich fast 40 und es hat noch immer nicht geklappt, da ist der Zug wohl schon abgefahren. Und sonst, naja, ich wollt mich immer im Umweltschutz engagieren, aber neben meinem Bürojob, Haushalt und Schwiegervaterpflege ist mir nie Zeit geblieben… und dann eben noch die Arbeit mit Pferden…

So, da saßen wir nun also mit unseren Lebensträumen. Ziemlich vermodert waren die. Tröstlich war nur, dass wir alle ziemlich gleich weit von jeglicher Verwirklichung entfernt waren. Unsere Träume aus früheren Jahren rumorten noch gelegentlich im Untergrund, manchmal schlich sich ein wehmütiges Sehnen ein, beantwortet von einem gereizten „jetzt nicht“…  mehr war von unseren Träumen nicht übriggeblieben.

Und so beschlossen wir an diesem denkwürdigen Abend im Kaiserfeld, S. und G. und ich, dass wir ab nun unseren Träumen wieder mehr Platz im Leben einräumen und – wie auch immer – versuchen wollten uns in kleinen Schritten unseren Visionen anzunähern. Und umzusetzen, was immer möglich war. Schließlich hatten wir vorerst nur dieses eine Leben und auf dieses stießen wir kräftig an.

 

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