Was anders ist

Ich habe seit neuestem so herrlich viel Zeit und Muse für ausgiebiges frühstücken. Der Tisch ist jeden Morgen üppig gedeckt, wir sitzen und schlemmen und plaudern, trinken Tee und Kaffee, hören Radio, lesen die Zeitung. Das ist anders. Und es ist angenehm. Lebensqualität! Keine Hetze mehr in der Früh. Könnte man durchaus beibehalten.

Es wird vermutlich auch noch länger so bleiben. Die Ausgangsbeschränkungen in Österreich sind – coronavirusbedingt – verlängert bis Ende April. Ein paar zusätzliche Geschäfte dürfen aufsperren nach Ostern (mit vielen Sicherheitsregeln), der Rest der Welt wird weiter in Schockstarre verharren. Keine Veranstaltungen bis Ende Juni. Keine Schule bis zumindest Mitte Mai. Keine offenen Gastgärten, keine Lokalbesuche, kein Kino, kein Fußball, keine Reisen. Die Grenzen sind dicht. Die Urlaubsplanung fällt heuer wohl ins Wasser.

Ich versuche, meine Arbeitstage, meinen Zeitplan, die geplante Jahresstruktur 2020 an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Nichts ist mehr, wie es hätte sein sollen. Die Konzerte, Treffen, Ausflüge, Reisen, fixe Seminartermine, Arbeitseinsätze, freie Zeiten… alles ist durcheinandergeraten, muss neu geordnet werden. Es ist nicht unbedingt schlechter, nur anders. Ich genieße durchaus die freie Zeit, das Unverplante, die neu gewonnenen Freiräume.

Wir Menschen sind erstaunlich anpassungsfähig. Wir können, wenn es sein muss, in kürzester Zeit alles umstellen, alles auf den Kopf stellen, ruckzuck in neue Gewohnheiten finden. Plötzlich wird möglich, was noch vor kurzem undenkbar erschien. Wie oft habe ich mir schon eine Auszeit gewünscht? Voila, da ist sie! Natürlich, es fehlt vieles, aber vorübergehend kann ich doch gut damit leben, so wie es jetzt ist. Ich mache mein Training daheim. Wir gehen täglich eine lange Runde spazieren – welch ein Luxus! Ich verdiene weniger, aber ich gebe auch weniger aus.

Wir kochen jeden Tag zu Mittag, probieren neue Rezepte aus. Basteln und räumen daheim herum, misten aus in großem Stil, machen sauber. Endlich Zeit für die vielen, lästigen Kleinigkeiten, die sich seit Wochen, Monaten, manchmal Jahren schon angestaut haben. Zeit zum nachdenken und nachjustieren. Was wollen wir ändern, was wollen wir beibehalten?

Natürlich, ich weiß auch, ich sehe und höre in den Nachrichten, wie es da draußen in der Welt zum Teil zugeht. Wie viel Leid und Elend sich auftun, wie viele Menschen gerade kämpfen und sich bemühen – zu unser aller Wohl. Ich bin unendlich dankbar, dass es uns hier so gut geht. Dass ich in meinen vier Wänden sitzen und es mir gutgehen lassen kann. Keine Selbstverständlichkeit! Wie unwichtig ist es da, mal eine Zeitlang auf dies und das zu verzichten, sich mal in Rückzug zu üben, daheim zu bleiben… wie schön, wenn es das überhaupt gibt: ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf, eine Tür, die man zumachen, eine Couch, auf die man sich verkrümeln kann. Ich nutze die Zeit gerne zum Auftanken, zum Kräfte sammeln, für eine neue Lebensgestaltung….